TSCHAKOWA

Marktgemeinde im Banat

 

 

Tschakowa als Heimat und Welt

Eine Rezension von Luzian Geier 

 

Monographie und Heimatbuch Banater Marktgemeinde erschienen pünktlich zum Heimattreffen 1997 der Tschakowaer im Spätherbst; in Haunstetten bei Augsburg lag das schon lange erwartete Heimatbuch vor und wurde dort zur Eröffnung des Treffens vorgestellt.

Es ist zu einem der umfangreichsten Banater Heimatbücher bisher geworden mit seinen 1056 Seiten, zu denen noch ein bedeutsamer Anhang mit Karten, Plänen, u. a. hinzukommt. Das Buch quillt über im eigentlichen Sinne des Wortes - vom Umfang her -, und im übertragenen Sinne durch die Informationsfülle, die zusammengetragen und eingearbeitet wurde. Dem Herausgeber - der Heimatortsgemeinschaft -, dem Hauptautor und Endredakteur Willi Merschdorf, bis vor kurzer Zeit Mathematiklehrer an einem Augsburger Gymnasium und mit langjähriger Beschäftigung an der Ortsgeschichte, sowie allen Mitarbeitern wurde bei der Buchvorstellung großes Lob ausgesprochen für dieses außerordentliche Gemeinschaftswerk, das in vielen Hinsichten einzigartig ist. Es nennt sich Ortschronik und Heimatbuch, weil es keine streng wissenschaftliche Monographie sein will, sondern vor allem ein Lesebuch, in dem die Wissenschaftlichkeit (die belegt u.a. eine sehr reiche Literatur zum Banat und darüber hinaus im Anhang) ergänzt wird anhand zahlreicher Dokumente und Quellen, erzählerischen Erinnerungen, Erlebnisberichten, Lebensbildern und einer Auswahl von Kurzbiographien. Den Textteil bereichern zahlreiche Fotos und Illustrationen mit dokumentarischem Charakter. Vor allem zeigen die Bilder immer wieder Menschen in ihrem Ort und ihrer Zeit, ob Bauer, Handwerker oder Akademiker, bei der Arbeit, beim Feiern, beim Sport oder anderen Anlässen.

 

Der Bilderauswahl kommt eine große informatorische Aussagekraft zu, da sie praktisch zu allen Kapiteln die Texte mit wichtigen Auskünften über die Gemeinde, ihre Menschen und deren Alltag erläutert. So bilden die Beiträge - die Zahl der Mitarbeiter ist erfreulich groß - und Illustrationen mit ihren Details eine umfassende, abgeschlossene, alles wesentliche umfassende Gesamtheit, die nach der Lektüre als ein Werk gemeinsamen Verbundenheit zur alten Heimat und als Treuezeichen zum Ort, zum Landstrich, Gemeinschaft sowie zu einer Identität auch hier und heute präsentiert.

Gymnasiallehrer Willi Merschdorf hatte die schwierige Aufgabe übernommen, mit der Fülle des Materials zurechtzukommen, die richtige Auswahl zu treffen. Vor allem an Fotomaterial konnte trotz des Umfangs viel Wichtiges nicht aufgenommen werden, so dass nun noch ein Bildband über Tschakowa erscheinen soll. Geplant ist laut Nachwort desgleichen ein Familien- bzw. Sippenbuch der Deutschen aus Tschakowa.

 

Dem Hauptautor Merschdorf ist es auch zu verdanken, dass das Material für diese Ortsgeschichte korrekt und weitgehend auf Urkundenmaterial aufgebaut wurde durch seine Forschungen in zahlreichen Bibliotheken und Archiven

Ebenso hat er sich die Mitarbeit geschätzter Banatika-Forscher gesichert, schon seinerzeit die von Prof. Josef Brandeiss, später die von Dr. Anton Peter Petri oder Franz Klein aus Wien. Auf Merschdorf gehen außerdem einige wertvolle Besonderheiten dieses Heimatbuches zurück, so das Inhaltsverzeichnis in vier Sprachen, die ISBN (3-922979-44-0), durch die das Buch einen breiten Eingang in den Buchhandel und in Bibliotheken finden kann, erstveröffentlichtes Kartenmaterial oder das Verzeichnis der bekannten Anschriften von Tschakowaern im Westen, in Übersee und in der alten Heimat. Aber auch die erstmalige Auswertung und Präsentation besonders wichtiger Quellen muss hervorgehoben werden, beispielsweise das Hauptbuch der Gemeindeumlagen für 1938/39. Es zählt zu den aussagekräftigsten Dokumenten des Buches (S.821 bis 827).

 

Was dieses Heimatbuch zu einem unserer besten macht, lässt sich anhand von vier wesentlichen Aspekten aufzeigen:

Jede schwäbische Familie (aber nicht nur diese) findet sich vor. Das ist nicht nur für den Verkauf wichtig, sondern aus der Tatsache heraus, dass jede Familie im Ort eine ,,Rädchen"-Funktion hatte im großen Uhrwerk Gemeinschaft.

Es ist den Autoren gelungen, das Typische, das eigenartige Ortskolorit einzufangen und darzustellen. Tschakowa war eine alte rumänisch-serbische Siedlung und keine schwäbische Neugründung. Während in den meisten Banater gemischtsprachigen Orten zwei, höchstens drei starke Ethnien vertreten waren, war es in dieser Großgemeinde eine kleine ,,Welt" mit Rumänen, Serben, Deutschen, Slowaken, Ungarn, Juden, Zigeunern und zeitweilig noch mit Italienern und Spaniern, die aber großteils assimiliert wurden. Alle diese ethnischen Gruppen und ihre Leistungen werden in dem Buch entsprechend präsentiert, besonders im Zusammenhang mit den vielen Querverbindungen zur wirtschaftlich und kulturell starken deutschen Gemeinschaft, die selbstverständlich im Mittelpunkt steht und für die das Heimatbuch verfasst wurde.

 

Verfasser und Herausgeber haben dafür gesorgt, dass durch das ganze Buch ein hoher Grad von Wissenschaftlichkeit gewahrt wurde und (viertens) ein ebenso hoher Grad an Wahrhaftigkeit zu allen Fragen und Themen, auch bei den heikleren und umstrittenen. Die Taten, Fakten, Dokumente und Fotos sprechen in dem Buch; subjektiv-persönliche Wertungen von Mitarbeitern findet man selten.

 

Es gibt noch viele weitere Besonderheiten dieser Monographie, die erwähnt werden könnten. Wichtig wohl noch die, dass in dem Heimatbuch nicht nur ein Mehr an Verflechtungen mit und zu den Andersnationalen aufgezeigt wird, sondern auch zu den Nachbarorten, für die Tschakowa stets Verwaltungs-, kirchliches, politisches, kulturelles, oft auch schulisches, vor allem aber Wirtschaftszentrum war und heute weitgehend noch ist. So ist das Buch gewissermaßen - soweit es der Rahmen zuließ und es der Quellenstand ermöglichte - zu einem Ersatz für die Bezirksmonographie geworden mit wichtigen Daten über Gad, Gilad, Fodorhausen, Obad, Mazedonia, Petroman und Tschebsza oder dem ehemaligen Kirchenfilialort Dolatz, die alle keine eigenen Heimatbücher haben. Sehr viele Querverbindungen finden sich aber auch zu Neupetsch, Wojtek, Detta und zu den einst schwäbischen Gemeinden im serbischen Banat bis hin nach Werschetz. Es entstand dadurch ein komplexeres Bild dieser Gemeinde, die mit zu den ersten zählte, die nach 1718 deutsche Siedler erhielten, deren Gemeinschaft im Ort selbst heute jedoch nur noch etwa 60 Personen umfaßt.

 

Mit diesem Buch haben sich die Deutschen aus Tschakowa selbst ein Denkmal gesetzt, kein steinernes, zu dem selten einer pilgert, aber ein ebenso dauerhaftes für jedes ,,Haus", für jede Familie und deren Nachfahren, die bestimmt mal die Frage stellen werden über das ,,Woher" und ,Wohin". Gewiss wurde mit dieser Veröffentlichung auch ein neues Band der Zusammengehörigkeit in Deutschland geschaffen, das dazu beitragen kann, dass unsere Gemeinschaft, die deutliche Zeichen des Auseinanderbröckelns zeigt, nicht vor uns stirbt.

Erschienen in "Banater Post" vom 5.März 1998

 

Unser Heimatbuch (ISBN 3-922979-44-0)
kann bei der HOG Tschakowa unter hog@tschakowa.de bestellt werden.